Clara Ragaz
Wohltätigkeit und Politik in der Schweiz des 20. Jahrhunderts

Der Gartenhof, seine Aktivitäten und seine Ausstrahlung wären ohne Clara Ragaz nicht denkbar gewesen. Sie brachte ihr Frauengut ein und hielt ihrem Mann den Rücken frei, indem sie für ihn einen privaten Dienstleistungsbetrieb organisierte.
Alles, was mit dem Haus Gartenhof zu tun hatte – von Umbauten über Renovationen bis zu Mietangelegenheiten –, war ihr Ressort. Dennoch beschränkte sich Clara Ragaz nie auf Kinder und Küche, sondern trug den Familienbetrieb, zu dem sich der Gartenhof im Laufe der 1920er-Jahre entwickelte, tatkräftig mit und verlieh ihm wesentliche Impulse.
Clara Ragaz starb 1957. Sie lebte bis zu ihrem Tod im Gartenhof. Clara Nadig kam in Chur zur Welt. Sie schloss 1892 das Lehrerseminar in Aarau ab und arbeitete danach als Hauslehrerin in England und Frankreich. Ihre guten Sprachkenntnisse erlaubten ihr später, auf internationaler Ebene politisch aktiv und als Übersetzerin tätig zu sein. 1894 nach Chur zurückgekehrt, wirkte sie als Sonntagsschullehrerin und lernte dabei Leonhard Ragaz kennen, der an der St.-Martins-Kirche Pfarrer war. 1901 heirateten die beiden und zogen 1902 nach Basel, wo Ragaz zum Münsterpfarrer gewählt worden war. 1903 kam Sohn Jakob, 1905 Tochter Christine zur Welt. Clara Ragaz war bereits früh sozialpolitisch engagiert. 1902 war sie bei der Gründung des Schweizerischen Bundes abstinenter Frauen dabei, 1907 trat sie der Union für Frauenbestrebungen, 1908 der Sozialen Käuferliga (SKL) und 1913 der Sozialdemokratischen Partei (SPS) bei. Im Auftrag der SKL recherchierte sie die Lage der Heimarbeiterinnen, konzipierte eine Ausstellung und organisierte einen Kongress für den Schutz der Heimarbeiterinnen. Parallel dazu war sie auch als Dozentin an der Sozialen Frauenschule in Zürich tätig. Nachdem die SP 1935 der militärischen Landesverteidigung zustimmte, kehrte sie der Partei den Rücken.
Das friedenspolitische Engagement von Clara Ragaz hatte nach der Lektüre des Romans Die Waffen nieder! von Bertha von Suttner schon in jungen Jahren begonnen. 1915 stellte sie sich als Präsidentin des schweizerischen Ablegers der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit zur Verfügung (IFFF). 1916 nahm sie mehrere Wochen an der inoffiziellen Konferenz der neutralenStaaten in Stockholm teil. Präsidentin des schweizerischen IFFF-Ablegers blieb Clara Ragaz bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf internationaler Ebene wurde sie 1919 Mitglied des Exekutivkomitees der IFFF, ab 1929 war sie eine der drei Vizepräsidentinnen, die nach dem Rücktritt von Jane Addams die Leitung der Organisation übernahmen.
