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Konflikt und Kooperation auf den Philippinen

Im Gespräch mit der philippinischen Professorin Miriam Coronel Ferrer

 

Der südliche Teil der Philippinen leidet seit Jahren unter schweren Konflikten. Mindanao, die zweitgrösste Insel der Philippinen, ist die Heimat der muslimischen Minderheit. Die Region hat eine reiche Geschichte und grosse natürliche Ressourcen, aber sie entwickelt sich nur langsam, nicht zuletzt wegen der verschiedenen sich gegenseitig bekämpfenden Rebellengruppen. Die philippinische Professorin Miriam Coronel Ferrer war Chefunterhändlerin des Friedensabkommens mit der Moro Islamic Liberation Front MILF und hat 2014 einen Friedensvertrag mit der Re-bellengruppe unterzeichnet. Sie weilte auf Einladung der PeaceWomen across the Globe PWAG in der Schweiz und sprach am 2. November 2017 an einem FrauenFriedensTisch in Bern über die «tatsächliche Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen». Dort traf sie die FRIEDENSZEITUNG zu einem Gespräch über ihre Erfahrungen, über den Friedensvertrag und darüber, wie die Situation heute aussieht.

/ Selene Tenn /

«Als Erstes haben wir Vertrauen auf-gebaut und den Vertretern der Moros zugehört», sagt Miriam Coronel Ferrer. Am Anfang war die wichtigste und auch die schwierigste Aufgabe, ein Vertrauensverhältnis zu entwickeln. Es war nicht leicht, weil sich beide Seiten seit Jahrzehnten bekämpft haben. «Wir haben deren Kommandeure getroffen, wir haben ihnen zugehört, und langsam haben sie begonnen, dem Friedensprozess zu vertrauen. Wir haben sogar diejenigen, die im Gefängnis sind, besucht, um zu zeigen, dass wir es ernst meinen und bereit sind, ihnen zuzuhören. Es war ein guter Anfang, weil wir ihre Haftbedingungen verbessern konnten. In der Praxis bedeutete das zum Beispiel, dass sie mehr Platz bekamen und wir religiöse Schriften wie den Koran verteilten.»

Die islamistische Rebellengruppe MILF kämpft seit Jahren für mehr Autonomie. Die Ursache liegt tief in der Geschichte verwurzelt: Die Philippinen waren ab 1565 eine Kolonie unter spanischer Herrschaft, ein Grossteil der Bevölkerung wurde christianisiert, nur eine kleine muslimische Minderheit, rund fünf Prozent der Bevölkerung, hat den spanischen Eroberern widerstanden und ihre eigene Identität beibehalten. Spanien hat dann versucht, die christliche Mehrheit gegen die Moro-Minderheit zu hetzen. Die beiden Gemeinschaften lebten gegeneinander, das Misstrauen zwischen ihnen wurde immer grösser.

Nach der philippinischen Unabhängigkeitserklärung 1898, die von den USA nicht akzeptiert wurde, kamen die Philippinen unter Kolonialherrschaft der USA. Die Moros blieben misstrauisch. Die USA wollten die Bedingungen auf Mindanao verbessern, Wege, Schulen und Spitäler wurden aufgebaut, aber der Preis war hoch: Viele amerikanische Firmen nahmen den Moros Land weg. Auf der anderen Seite hatten die USA nichts gegen die Religion der Moros.

Geburt einer Rebellengruppe

Im grossen Ganzen war die Situation nun trotzdem besser. Schwierigkeiten bekamen die Moros jedoch, weil sie keine schriftlichen Dokumente hatten, um zu beweisen, dass sie ihr Land auch rechtlich besassen. Die christlichen Philippinen jedoch hatten oft schriftliche Dokumente, auch über den Besitz von Land, das ihnen nicht gehörte So verloren die Moros immer mehr Land. Sie fühlten sich betrogen, viele betrachteten die Christen als ihre Feinde. Im Jahr 1968 wurden Moro-Militante unter christlichen Kommandanten trainiert, denn die Regierung der Philippinen hatte den Plan, Land von Malaysia zu erobern. Als die Militanten sich weigerten mitzumachen, wurden fast alle erschossen. Der Vorfall verärgerte die Moro-Gemeinschaft, bald danach wurde die Rebellengruppe geboren. «Ein Schlüssel zum Verständnis des Konflikts liegt in der Geschichte: Die Moros kämpfen seit Jahren und bleiben immer noch skeptisch gegenüber der Regierung. Andererseits vertraute die Regierung der Rebellengruppe nicht, weil sie viele Waffen besass. Die Rebellen hatten eine Überraschung auf Lager: Sie waren bereit, ihre Waffen abzugeben, wenn die Insel unter eine Moro-Regionalverwaltung käme; das war auch unser Ziel», sagt Frau Coronel Ferrer.

Frauen an Friedensprozessen

Der Friedensprozess war nicht einfach. Besonders hervorzuheben ist die Beteiligung der Frauen. Miriam Coronel Ferrer ist die erste Frau der Welt, die Chefunterhändlerin eines Friedensabkommens wurde. «Zuerst wollten die Kommandeure uns nicht die Hand drücken, aber die Zeit verging, und wir wurden akzeptiert. Auf den Fotos sind viele Frauen zu sehen, auch wenn auf der Rebellenseite die Unterhändlerinnen fehlen.»

An der Veranstaltung in Bern ging es um die «tatsächliche Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen». Mit dem Titel wurde gleichzeitig darauf hingewiesen, dass Frauen oft an Friedensprozessen fehlen oder nur eine beratende Funktion ohne Stimmrecht haben. «Ich möchte gern wissen, warum Frauen nicht mit Männern am gleichen Tisch sitzen», sagt Professorin Thania Pfaffenholz, Direktorin der Inclusive Peace & Transition Initiative IPTI am Graduate Institute of International and Develop-ment Studies in Genf. «Frauen haben keinen wirklichen Einfluss, wenn sie nicht mit den Männern an den Sitzungen teilnehmen können», betont sie.

Miriam Coronel Ferrer: Konflikt und Kooperation auf den Philippinen

Foto Credits by FriedensFrauen Weltweit

Die Reaktionen bleiben nicht aus

«Frauen leiden oft am meisten. Die Stereotypen, was Frauen machen können und wie sie sich verhalten sollen, sind oft noch verbreitet, besonders in konservativen Gesellschaften. Gleichzeitig sind Frauen Expertinnen für das Lebens im Haus und tragen oft die ganze Verantwortung, für die Kinder zu sorgen, denn Kinder ohne Ausbildung haben keine gute Zukunftsaussichten. Weiter ist wichtig, dass das Geschäft des Friedens ihr Geschäft ist, also das Geschäft der Frauen. Sie tragen auch viel dazu bei, den nachkommenden Generationen eine Zukunft in Frieden zu sichern», erinnert Coronel Ferrer.

So hat die Friedensverhandlerin konsequent Frauen gefragt, was sie erwarten, und versprach ihnen, dass ihre Erwartungen diskutiert werden. Bekanntheit und Erfolg lösen Neid und Ablehnung aus. Das erfuhr auch Miriam Coronel Ferrer: Als öffentliche Person und als Frau wird sie kritisiert und sogar belästigt. 2015 wurden gefälschte Bilder im Internet publiziert, auf denen sie nackt dargestellt wurde, um sie zu beschämen. Sie hat auch Morddrohungen erhalten.

Die aktuelle Situation

Trotz der Tatsache, dass ein Friedensvertrag unterzeichnet wurde, geht die Entwicklung nur langsam voran. Der Gesetzgebungsprozess zeitigt keine Fortschritte, es wurden keine neuen Gesetze verabschiedet. Das neue Parlament hat eine neue Gesetzesvorlage erarbeitet, aber es bleibt abzuwarten, was damit passiert. «Einige Parlamentarier haben uns Frauen kritisiert, weil es ihre Meinung ist, dass wir Frauen uns zu viel auf Details konzentrieren», sagt Coronel Ferrer und fährt fort: «Aber ich denke, dass Details wichtig sind. Zum Beispiel haben wir mit gemeinsamen Details angefangen und haben dann über die schwierigeren Aspekte diskutiert. Die Gesetzesvorlage zu akzeptieren war schwierig, aber zum Schluss haben sich beide Seiten angeschlossen. Das war bemerkenswert.»

Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens im Jahr 2014 haben sich viele Dinge geändert. Neue islamistische Gruppen wurden auf den Mindanao-Inseln gegründet, viele ausländische Militante sind ihnen beigetreten. Im vergangenen Sommer kämpften in der Stadt Marawi Militante und die philippinische Regierung gegeneinander. Mehr als 300’000 Menschen sind geflohen, über tausend Menschen wurden getötet. Ableger des Islamischen Staates haben die Stadt erobert. Zwischen der Regierung und den Militanten kam es zu blutigen Gefechten. Die Regierung bekam die Situation zwar wieder unter Kontrolle, aber vieles wurde zerstört.

Gefahr eines neuen Krieges

«Die Moro Islamic Liberation Front war eine regionale Gruppe. Sie forderte lokale Autonomie und wollte, dass die Regierung ihre islamische Identität anerkennen würde; aber sie stimmte zu, dass das Gebiet säkular bleiben sollte. Der IS hingegen kümmert sich nicht um die Situation vor Ort. Sein Ziel ist ein islamistisches Kalifat. Die Geschichte des Gebietes ist für sie unwichtig.»

Die Gefahr eines neuen Krieges und neuer Unruhen sind Coronel Ferrer vertraut. Sie denkt, dass der erreichte Fortschritt verloren gehen könnte. «Wenn der Krieg fortdauert, wird auch die nächste Generation kämpfen. Sie lernt, die Regierung zu hassen und ihr nicht zu vertrauen und dass Friedensabschlüsse nichts bedeuten. Das könnte das Ziel verschieben: von Autonomie zu einem islamistischen Kalifat. Hinzu kommt die allgemeine Situation in Asien: Die indo-nesische Provinz Aceh hat den Aufstieg von gewalttätigen Imamen gesehen, und die Rohingya-Flüchtlinge aus Myanmar sind auch eine potenzielle Basis für Radikalisierungsabsichten.»

Sanni Selene Tenn ist Studentin der Politikwissenschaften an der Universität Helsinki und arbeitet zurzeit bei der FRIEDENSZEITUNG.

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