SWISS PEACE COUNCIL   |   CONSEIL SUISSE POUR LA PAIX   |   CONSIGLIO SVIZZERA PER LA PACE

---

Am 4.April 2018 jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Martin Luther King Junior. Mit seiner Ermordung fand das Leben eines der bedeutendsten Vorkämpfer für Frieden und Gerechtigkeit im letzten Jahrhundert ein frühes Ende. Martin Luther King ist neben Mahatma Gandhi wohl der bedeutendste und schöpferischste Vorkämpfer der Gewaltfreiheit geworden. Seine Bedeutung liegt darin, dass er – wie Gandhi im Kontext des Südens – den gewaltfreien Widerstand als wirksame und erfolgreiche Strategie auch für die hochentwickelten westlichen Industriegesell-schaften im Norden aufwies.

Angesichts des herrschenden sozialen Unrechts in vielen Ländern erschlossen King und die Bürgerrechtsbewegung mit ihren gewaltfreien Kampagnen eine neue Strategie der sozialen und politischen Veränderung – ohne endlose Gewaltspirale und Blutvergiessen. Aus der Sackgasse der beiden Extreme: Entweder Gegengewalt oder aber Passivität wies er einen neuen Dritten Weg der aktiven Gewaltfreiheit. Dieser vereint – wie King öfters betonte – die positiven Aspekte beider Pole in sich: Mit der Gegengewalt hat er gemeinsam, dass er sich aktiv gegen Unrecht einsetzt; mit der Passivität, dass er auf Gewalt verzichtet und den Widerstand mit friedlichen Mitteln ausübt.

1968, das Todesjahr Kings, wurde weltweit zu einem geschichtsträchtigen Wendepunkt. Der Mut und die Entschlossenheit der Schwarzen, Unrecht nicht länger schweigend hinzunehmen, beflügelte Menschen in vielen Teilen der Welt, an ihrem Ort und auf ihre Weise aufzustehen und sich für Veränderung auf eine bessere Welt hin einzusetzen.

  1. Martin Luther King jr – ein Leben für die Gewaltfreiheit

Martin Luther King jr wurde am 15.Jan.1929 als mittleres von drei Kindern geboren. Schon sein Vater Martin Luther King Senior, verheiratet mit der Pfarrerstochter Alberta Williams, war hochangesehener Pfarrer in der Baptisten-Kirche in Atlanta. Der junge Martin war hochbegabt und schloss nach dem Theologiestudium am Crozer-Seminar in Pennsylvania seine Studien 1955 mit dem Doktorat in Boston ab. 19 53 heiratete er Coretta Scott, mit der er vier Kinder hatte. Schon 1954 trat er seine erste Pfarrstelle in Montgomery an.

 

Busstreik von Montgomery

Am 1. Dezember 1955 weigerte sich die 42-jährige schwarze Näherin Rosa Parks, ihren Sitzplatz im Bus an einen weissen Fahrgast abzugeben. „ Ich bin einfach müde; meine Füsse schmerzen. Ich habe den ganzen Tag schwer gearbeitet.“ Der Fahrer rief die Polizei, die Rosa Parks verhaftete. Dies war das Signal zum Widerstand. Am nächsten Tag versammelten sich fast 50 angesehene schwarze Bürger und beschlossen, ab dem 5. Dezember, dem Tag an dem Rosa Parks vor Gericht zitiert wurde, ihre Leute aufzufordern, die rassengetrennten Busse Montgomerys zu boykottieren. Etwa 7000 Flugblätter wurden verteilt. Und das Wunder geschah: Am Montagmorgen fuhren die Busse leer. Kein Schwarzer stieg in einen Bus. Auf allen nur möglichen und unmöglichen Arten gelangten sie zur Schule, an die Arbeit, ins College: zu Fuss, per Autostopp, per Einspänner. Am Abend hielt King an einer Massenversammlung eine leidenschaftliche Rede:

Wir sind heute abend hier versammelt, um denen, die uns so lange misshandelten zu sagen, dass wir genug haben – genug davon, ausgeschlossen und erniedrigt zu sein, genug davon, herumgestossen und brutal unterdrückt zu werden. Wir haben keine andere Möglichkeit, wir müssen protestieren. Viele Jahre haben wir eine unglaubliche Geduld gezeigt. Heute abend kommen wir hier zusammen, um von jeder Art von Geduld frei zu werden, die weniger einbringt als Freiheit und Gerechtigkeit. Die weissen Bürgerräte und der Ku-Klux-Klan demonstrieren für die Verewigung des Unrechts in der Stadt. Ihre Methoden führen zu Gewalttat und Gesetzlosigkeit…In unsern Demonstrationen wird kein Weisser von einem maskierten Negerpöbel aus seinem Haus verschleppt und brutal ermordet werden. Es wird weder Drohungen noch Einschüchterungen geben. Unser Handeln soll von den höchsten Grundsätzen des christlichen Glaubens diktiert sein. Über die Jahrhunderte hinweg sollen die Worte Jesu heute in unseren Herzen ein Echo finden: ‚Liebt Eure Feinde, segnet, die euch fluchen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.‘ Trotz der Misshandlungen, denen wir ausgesetzt sind, dürfen wir nicht bitter werden, und müssen aufhören, unsere weissen Brüder zu hassen.Wenn ihr mutig und doch mit Würde und in der Liebe Christi kämpft, werden einmal spätere Generationen sagen: ,Hier lebte ein grosses – ein schwarzes Volk, das den Menschen ein neues Gefühl der Würde eingeimpft hat’…“

Auch in den nächsten Tagen und Wochen ging der Busstreik ungebrochen weiter. Autobesitzer übernahmen freiwillig Fahrten, schwarze Taxis nahmen Passagiere zum Bustarif mit. Tausende zogen es vor, lieber jeden Tag 1-2 Stunden zu Fuss zur Arbeit zu gehen als weiter diskriminert zu werden. Eine alte schwarze Frau meinte, als man sie fragte, warum sie sich nicht mitnehmen lassen wolle: „Ich laufe nicht für mich, ich laufe für meine Kinder und Enkel.“ Schliesslich zeigte der Streik Wirkung: Die Einnahmen der Busgesellschaften gingen um 65% zurück.

Aber auch der Hass vieler Weissen stieg. King erklärte: „Was wir tun, tun wir nicht allein für die Schwarzen.Indem wir den Schwarzen befreien, befreien wir auch den Weissen von seinen falschen Anschauungen und unbewussten Schuldgefühlen gegenüber jenen, denen er Unrecht tut.“ Am 30. Januar wurde eine Bombe auf die Betonveranda von Kings Haus geworfen; zum Glück blieb seine Familie unverletzt. King rief der erregten Menge von seiner zerstörten Veranda aus zu: „Bitte legt eure Waffen weg. Wir können dies Problem nicht durch Vergeltung lösen. Wir müssen der Gewalt mit Gewaltlosigkeit begegnen. Wir müssen unsere weissen Brüder lieben gleichgültig, was sie uns antun…“

Inzwischen gewann der Busboykott landesweit an Publizität. Am 22. März ’56 verurteilte ein Gericht King zu 500 Dollar Strafe; dieser zog das Urteil weiter. Endlich am 20. Dezember 1956 kam der Durchbruch: Das oberste Bundesgericht erklärte die Rassentrennung in Bussen für rechtswidrig. Nach über einem Jahr hatte der Busstreik sein Ziel erreicht!

Der Erfolg der Busstreik-Kampagne in Montgomery gab der Bürgerrechtsbewegung in den USA einen gewaltigen Auftrieb. Ab 1960 entstanden in vielen Städten Komitees, welche Sit-Ins (Besetzungen) in rassengetrennten Restaurants und ‚Freiheitsfahrten‘ von schwarzen und weissen StudentInnen in den Süden der USA organisierten. Sie wurden in den Städten des Südens von hasserfüllten Rassisten aus den Bussen gezerrt, misshandelt und verprügelt. Insgesamt nahmen 70 000 Menschen an gewaltfreien Sit-Ins teil. 3600 Leute gingen ins Gefängnis. 191 StudentInnen und 58 Professoren verloren ihre Studien- und Arbeitsplätze. Das Resultat: Ende 1961 gab es wesentlich weniger ‚weisse‘ Restaurants, Kinos, Supermärkte etc. King übernahm die Führung der Bürgerrechtsbewegung in Atlanta.

Der Rückschlag von Albany in Georgia

Die örtliche Bewegung lancierte 1961 Aktionen zur Beseitigung der Rassendiskriminierung in Bahnhöfen, und riefen King und seinen Mitkämpfer Ralph Abernathy zu Hilfe. An der Spitze von 250 DemonstrantInnen wurden sie verhaftet, Hunderte weiterer Inhaftierungen folgten. Am 24.Juli 1962 artete eine Demonstration von 2000 Jugendlichen aus: Sie griffen 170 Polizisten mit Flaschen und Knüppeln an. King rief zu einem ‚Tag der Reue‘ mit  Gebeten und Mahnwachen auf. Aber das Bundesgericht verbot alle weiteren Aktionen der Bürgerrechtsbewegung. Ein Beispiel, aus dem King und seine MitstreiterInnen ihre Lehren zogen.

 

Die Kampagne von Birmingham 1963

Birmingham war eine der Städte, die am radikalsten die Segregation von Weiss und Schwarz durchsetzten. Am 3. April 1963 begannen die schwarzen BürgerrechtlerInnen mit ihren Protestmärschen. Täglich wurden Märsche durchgeführt, täglich warf die Polizei DemonstrantInnen ins Gefängnis. Nachdem schon etwa 500 inhaftiert waren, wurde auch MLKing festgenommen und in Einzelhaft gesetzt. Dort schrieb er an 8 Geistliche, die die gewaltlosen Protestaktionen als ‚unklug und zeitlich ungünstig‘ kritisiert hatten, seinen berühmten Brief aus dem Gefängnis:

… Sie fragen: Warum Sitzstreiks, Aufmärsche und dergleichen? Wäre der bessere Weg nicht der der Verhandlung gewesen? Gerade das ist ja der Zweck der gewaltlosen direkten Aktion: Sie will eine Krise herbeiführen, eine schöpferische Spannung erzeugen, um damit eine Stadt, die sich bisher harnäckig gegen Verhandlungen gesträubt hat, zu zwingen, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen. Sie will diese Probleme so dramatisieren, dass man nicht mehr an ihnen vorbei kann…Wir bringen nur die bereits vorhandene, verborgene Spannung ans Tageslicht. …Ich bin beinahe zum Schluss gekommen, dass das grosse Hindernis auf dem Weg in die Freiheit nicht der Ku-Klux-Klan ist, sondern der gemässigte Weisse, dem Ordnung mehr bedeutet als Gerechtigkeit, der einen negativen Frieden ohne Spannungen einem positiven Frieden, in dem Gerechtigkeit herrscht vorzieht…“

 Kaum aus dem Gefängnis herausgekommen organisierten die Verantwortlichen Tausende schwarzer Schulkinder. Am 2. April marschierten sie mit dem Song ‚ We shall overcome‘ in die Innenstadt. 959 Kinder liess der berüchtigte Polizeichef ‚Bull‘ Connor verhaften. Ein knapp 8 Jahre altes Mädchen, als es von einem Polizisten gefragt wurde: „Was willst Du hier?“, schaute ihm unerschrocken in die Augen und sagte „Freiheit!“. Am nächsten Tag nahmen wiederum 1000 Kinder am Marsch teil. Diesmal hetzte Connor sogar Hunde auf sie und setzte Wasserwerfer ein. Die Wucht des Wassers warf die Kinder flach zu Boden, riss ihnen die Kleider vom Leib. Am 5.Mai, einem Sonntag, setzte sich der Marsch mit mehreren Hundert Erwachsenen von der ‚New Pilgrimage Baptist Church‘ in Gang. King beschreibt die folgenden Ereignisse in ‚Warum wir nicht warten können‘:

Bull‘ Connor befahl ihnen umzukehren. Reverend Billups, der den Zug anführte, weigerte sich höflich. Connor kam in Wut, drehte sich zu seinen Männern um und brüllte: „Verdammt! Wasser frei!“

Was in den nächsten dreissig Sekunden geschah, gehört zu den phantastischsten Ereignissen von Birmingham. ‚Bull‘ Connors Leute standen den Marschierern gegenüber, die mörderischen Schläuche zum Einsatz bereit. Die Demonstranten starrten unverwandt zurück, furcht- und regungslos; viele von ihnen knieten und beteten. Langsam erhoben sich die Schwarzen und begannen vorwärts zu gehen.Connors Leute wichen wie gebannt zurück, die Schläuche hingen schlapp in ihren Händen, während Hunderte von Schwarzen vorbeizogen und ungehindert ihre geplante Gebetsversammlung abhielten’“

Dieses Ereignis brachte die Wende. Während die Widerstandsaktionen der Kinder weitergingen, und von Connor immer härter beantwortet wurden, leitete die Regierung unter Präsident Kennedy Verhandlungen ein, die schliesslich am 10.Mai zu einem Friedensabkommen führten, das die vier zentralen Forderungen der BürgerrechtlerInnen erfüllte.

Der grosse Marsch nach Washington

Der Marsch für Arbeit und Freiheit mit 250 000 Protestierenden am 28.August 1963 zum Kapitol in Washington wurde zu einem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung. King hielt seine berühmte Rede:

„…Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt. Ich habe einen Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Ich habe einen Traum, dass in Alabama, mit seinen bösartigen Rassisten, dass genau dort eines Tages kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weissen Jungen und Mädchen als Brüder und Schwestern…“

Im gleichen Jahr 1963 wird am 22.Nov. Präsident Kennedy ermordet. Im Jahr darauf, 1964 erhält Martin Luther King den Friedensnobelpreis. In seiner Dankesrede hebt King hervor, dass „…dieser Preis anerkennt, dass Gewaltfreiheit die Antwort auf die entscheidende politische und moralische Frage unserer Zeit ist – die Notwendigkeit, dass Menschen Unterdrückung und Gewalt überwinden, ohne zu Gewalt und Unterdrückung Zuflucht zu nehmen…“.

1965 übersiedelt King mit seiner Familie in den Norden, in einen Slum von Chicago. Denn in den Grossstädten ist die Arbeitslosigkeit und soziale Misere der schwarzen Bevölkerung besonders drückend. Immer mehr greift er auch verwandte Themen auf, hält in Washington seine berühmte Rede gegen den Vietnamkrieg. Im Frühling 1968 kommt es in Memphis zu gewaltsamen Protesten jugendlicher Schwarzer. King fliegt hin und bereitet einen neuen Anlauf vor, gewaltlos zu demonstrieren. Am 4.4.1968 trifft ihn die Kugel des Mörders.. Er ahnte seinen frühen Tod voraus. Der Mörder James Earl Ray wird kurz darauf selber umgebracht – die Hintermänner der Ermordung Kings bleiben bis heute unaufgedeckt.

Martin Luther King bleibende Bedeutung für heute

Kings Entdeckung und Entwicklung der Schöpferischen Gewaltfreiheit macht ihn – neben Gandhi – zu einem der wichtigsten Wegbereiter sozialer Bewegungen heute. Viele politische Aufbrüche und Kämpfe in der Neuzeit wurden durch die US-Bürgerrechtsbewegung inspiriert: Im Umweltbereich zB Greenpeace oder die Anti-AKW-Bewegung usw. Internationale Friedensbewegungen wie IFOR (Int. Fellowship of Reconciliation), der sich schon seit dem 1. Weltkrieg gegen Krieg und für Aktive Gewaltfreiheit einsetzt und auf interreligiöser Grundlage FriedensaktivistInnen in über 50 Ländern vereinigt – auch M.L.King war Mitglied – tragen seein Vermächtnis weiter. Seit der Wende in Osteuropa 1989 wird die Gewaltfreiheit auch mehr und mehr sowohl in der Wissenschaft als auch in der offiziellen Politik als ernstzunehmende Alternative wahrgenommen. Einerseits ist sie Thema einer Vielzahl von Studien: Besonders erwähnenswert ist die Untersuchung von Erica Chenoweth u.a.: Why civilian resistance works. Strategic logic of nonviolent conflict, die nachweist, dass gewaltfreie Widerstandsbewegungen meist erfolgreicher waren als bewaffnete. Aber auch die Politik entdeckt mehr und mehr deren Potential: Mediation, Vergangenheitsbewältigung durch Wahrheitskommissionen, Präsenz von zivilen (Wahl-)BeobachterInnen, um nur einige konkrete Einsatzformen zu nennen. Bis hin zum Sturz von Diktatoren wie Marcos 1985 in den Philippinen oder Milosevic in Serbien oder zum Arabischen Frühling strahlten Kings Erfahrungen und Vorbild aus.

Die charismatischen Rolle, die Martin Luther King als überragender Anführer der Bürgerrechtsbewegung spielte, war aber zugleich auch ihre Schattenseite und Schwäche: Zu viel hing von ihm ab. Dies machte die Bewegung verletzlich. Nach Kings Tod verschärften sich die Spannungen, ein militanter Flügel spaltete sich ab. Mit der Zeit verlor die Bürgerrechtsbewegung ihren Schwung, verschwand sie aus den Schlagzeilen. Auch für seine Familie war der pausenlose Einsatz von King eine grosse Belastung, auch wenn seine Frau Coretta sein Engagement aus ganzem Herzen teilte, und auch nach Kings Tod sein Engagement weitertrug.

Hemmschwellen

Der radikale Ansatz einer grundsätzlichen Gewaltfreiheit, der auch Gewalt in Form von Macht, Herrschaft und militärischer Verteidigung ablehnt und Basisdemokratie, gewaltfreien Widerstand und Konfliktlösung anstrebt, stellt in seiner Radikalität die Machtstrukturen der Gesellschaft und der Regierenden infrage – es ist deshalb verständlich, dass diese sich schwer tun damit. Aber auch soziale Bewegungen sind oft in sich gespalten: Viele Menschen sind von klein auf von Gewalt geprägt, verwechseeln Gewaltfreiheit mit Schwäche und reagieren automatisch wieder mit Gewalt. Eine gewaltfreie Haltung hingegen ist anspruchsvoll, vereint sie doch einen scheinbaren Widerspruch in der Doppelbotschaft: Ja zum Menschen, Nein zu seinem ungerechten Handeln.

Vielen erscheint zudem die bewusste Opferbereitschaft, für die eigene Überzeugung Risiko auf sich zu nehmen, zuerst einmal als Ohnmacht, während sie sich im Widerstand als stärkste ‚Waffe‘ herausstellt, weil sie wie nichts sonst andere – auch Feinde – überzeugt und gewinnen kann.

Gewaltfreiheit bedeutet Aufrechten Gang

Schon als Kind erlebte ML King, dass seine Eltern als Schwarze sich nicht alles gefallen liessen: Er erzählt die Episode, wie sein Vater mit dem kleinen Martin an der Hand Schuhe einkaufen ging. Im Schuhgeschäft setzten sie sich auf zwei Stühle im Vorraum, wurden aber vom Verkäufer höflich nach hinten komplimentiert. Kings Vater antwortete, er habe an diesen Stühlen nichts auszusetzen. ‚Tut mir leid‘ entgegnete der Verkäufer, ‘aber ich kann Sie hier nicht bedienen‘. ‚ Entweder kaufen wir unsere Schuhe hier, oder wir kaufen gar keine‘. Sprach und verliess mit dem Sohn den Laden. (King: ‚Freiheit‘)

Im Studium entdeckte der junge King nicht nur die soziale Dimension des Evangeliums, sondern kam durch Vorträge von A.J.Muste, des damals wohl bekanntesten Gewerkschaftsführers und Friedensaktivisten der USA mit den Ideen des Pazifismus, und bald darauf mit den Ideen und Erfahrungen Mahatma Gandhis in Berührung und wurde Mitglied des Internationalen Versöhnungsbundes. Ihre Ideen faszinierten ihn, denn sie erschlossen ihm einen neuen Weg, wie eine Haltung der unbedingten Achtung vor dem Menschen mit wirksamem gesellschaftlichem Handeln in Einklang gebracht werden kann.

Gewaltfreie Kampagnen bedingen gute Vorbereitung

King war ein glänzender Organisator, der es verstand, in Zusammenarbeit mit seinen MitstreiterInnen immer wieder neue, originelle Aktionsformen zu entwickeln, ganz konkrete Ziele zu formulieren, grössere Kampagnen Schritt für Schritt sorgfältig zu planen, seine MitkämpferInnen zu motivieren und zu ermutigen und gezielt auf schwierige Situationen vorzubereiten. Im Brief aus dem Gefängnis in Birmingham fasst er die vier grundsätzlichen Stufen einer gewaltfreien Kampagne zusammen:

  • Information: Sammlung von Fakten über die Ungerechtigkeit
  • Verhandlung: Mit den Verantwortlichen wird der Dialog und Verhandlungen gesucht
  • Selbstläuterung: In Vorbereitungstrainings wird zb in Rollenspielen die Frage geklärt? Kann ich Schläge hinnehmen, ohne zurückzuschlagen? Kann ich die Prüfung einer Verhaftung ertragen?‘
  • Direkte gewaltfreie Aktion

Viele Aktionsformen und Trainingsübungen wurden wegweisend auch für spätere soziale Bewegungen und wirken bis heute nach.

Gewaltfreiheit muss grundsätzlich sein

Martin Luther King jr war ein begnadeter Redner, der seine ZuhörerInnen mitreissen konnte. Immer wieder gelang es ihm, aus seiner tiefen Überzeugung heraus auch in schwierigsten Augenblicken Klarheit und Mut für den richtigen Weg zu finden. Unnachahmlich fasst er in seiner Predigt zu ‚Liebt Eure Feinde! (Matthäus-Evangelium Kap 5, Verse 43-45) seine Grundhaltung der Gewaltfreiheit in die einprägsamen Worte:

Unsern Gegnern sagen wir: Unsere Leidenskraft ist ebenso gross wie eure Macht, uns Leiden zuzufügen. Eurer physischen Gewalt werden wir mit seelischer Kraft begegnen. Tut mit uns, was ihr wollt, wir werden euch trotzdem lieben. Wir können euren ungerechten Gesetzen nicht mit gutem Gewissen gehorchen, denn wir sind nicht nur verpflichtet, zum Guten zu wirken, sondern auch, die Zusammenarbeit mit dem Bösen zu verweigern. Werft uns ins Gefängnis, wir werden euch trotzdem lieben. Werft Bomben in unsere Häuser, bedroht unsere Kinder, wir werden euch trotzdem lieben. Schickt eure Mietlinge in unsere Wohnungen, dass sie uns schlagen und halbtot liegen lassen, wir werden euch trotzdem lieben. Und seid sicher, dass wir euch mit unserer Leidensfähigkeit überwinden werden. Eines Tages werden wir die Freiheit gewinnen. Aber sie wird nicht nur für uns selber errungen werden. Wir werden so lange an euer Herz und eure Seele appellieren, bis wir auch euch gewonnen haben. Und dann wird unser Sieg ein doppelter Sieg sein.“

Im Buch ‚Freiheit‘ fasst King die wichtigsten Grundsätze in fünf Punkten zusammen:

  • Zuerst muss betont werden, dass gewaltloser Widerstand keine Methode von Feiglingen ist. Es wird Widerstand geleistet. Wenn jemand nur aus Angst oder Schwäche diese Methode anwendet, handelt er nicht gewaltlos. Deshalb hat Gandhi oft gesagt, man solle, wenn man bloss die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt hat, lieber kämpfen. Aber er wusste, dass es immer noch eine andere Möglichkeit gibt: den Weg des gewaltlosen Widerstands. Das ist letzten Endes der Weg der Starken.
  • Der gewaltlose Widerstand will den Gegner nicht vernichten oder demütigen, sondern seine Freundschaft und sein Verständnis gewinnen. Wer gewaltfreien Widerstand leistet, muss oft durch Boykotte oder Nichtzusammenarbeit protestieren. Aber diese Mittel sind nicht Selbstzweck. Sie sollen beim Gegner nur ein Gefühl der Scham wecken. Der Zweck ist Wiedergutmachung und Aussöhnung. Die Frucht ist eine neue enge Gemeinschaft, während die Folge der Gewalt tragische Verbitterung ist.
  • Drittens will der Anhänger des gewaltfreien Widerstands das Böse vernichten, nicht die Menschen, die das Böse tun. Ich sage es den Leuten in Montgomery gern so:“ Die Spannung in dieser Stadt besteht nicht zwischen Weissen und Schwarzen, sondern zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Wir wollen die Ungerechtigkeit vernichten, und nicht weisse Menschen, die ungerecht sind.
  • Wichtig ist viertens die Bereitschaft, Demütigungen hinzunehmen ohne sich zu rächen, und Schläge, ohne zurückzuschlagen. „ Vielleicht müssen Ströme von Blut fliessen, ehe wir unsere Freiheit gewinnen, aber es muss unser Blut sein.“ sagte Gandhi zu seinen Landsleuten. Ein Anhänger der Gewaltfreiheit ist bereit, wenn es sein muss, Gewalttätigkeiten hinzunehmen, aber niemals andern zuzufügen. Wenn er ins Gefängnis muss, geht er. 
  • Fünftens lässt sich der Anhänger des gewaltfreien Widerstands weder äusserlich noch innerlich zur Gewalt hinreissen. Er weigert sich nicht nur, seinen Gegner niederzuschiessen, sondern auch, ihn zu hassen. Im Mittelpunkt der Lehre von der Gewaltfreiheit steht das Gebot der Liebe. Er kämpft darum, dass die unterdrückten Völker der Welt in ihrem Ringen um Menschenwürde nicht verbittert werden und sich in Hassfeldzügen ergehen.

 

Leidensbereitschaft schöpft ihre Kraft aus Gottesvertrauen

Martin Luther King stand spätestens seit dem Busboykott unter ständiger Bedrohung. Mehrere Male wurden Bombenattentate auf sein Haus verübt; etwa 120 Mal wurde er verhaftet, am 19. September 1958 verletzte ihn eine Frau lebensgefährlich. Auch Martin Luther King kannte Angst und Verzweiflung. In schlaflosen Nächten rang King um Klarheit, legte im Gebet seine Mutlosigkeit und innere Leere in Gottes Hände und schöpfte immer wieder neue Hoffnung und Kraft aus seinem Glauben. Martin Luther King war zutiefst verwurzelt in seinem Gottesvertrauen. Nicht nur öffnete das Beispiel Jesu schon früh seine Augen für den Einsatz für Schwächere und gegen Unrecht, es inspirierte ihn mit seinem Gebot der Feindesliebe:

Liebe wie sie sich im Leben unseres Schöpfers so wunderbar ausdrückt, ist die beständigste Macht der Welt. Mögen wir begreifen, dass wir niemals wirklich Kinder unseres himmlischen Vaters sein können, solange wir nicht unsere Feinde lieben und für unsere Verfolger beten.( aus Kings Predigt zu ‚Liebt Eure Feinde!‘) 

Ueli Wildberger

Co-Präsident IFOR-Schweiz

Agnesstr.25

8004 Zürich

044 242 20 59

Friedensrat Newsletter
Wir respektieren Ihre Privatsphäre.