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Titelseite Broschüre Schöne neue atomare Welt Reader «Mega Buster – Kriegsgebiet Kinderzimmer»

Ein neuer Reader gibt einen Einblick ins moderne «Kriegsgebiet Kinderzimmer» und wirft Fragen zum gewaltverherrlichenden Medienkonsum auf.

Das Zürcher Künstler-Duo Eva-Maria Würth und Philippe Sablonier, unter dem Namen Interpixel schon mit einigen aktionsorientierten «Interventionen» aufgefallen, lancierte im Frühling 2006 aus Anlass des 125-Jahr-Jubiläums des Bourbaki-Panoramas in Luzern das mehrteilige Kunstprojekt «Mega Buster». Die beiden 'situationistischen Aktivisten' besuchten in acht deutschschweizer Kantonen rund 1000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie über 50 Schulklassen und forderten die SchülerInnen auf, ihnen ihre Spielzeugwaffen im Tausch gegen ein «Entwaffnungs-Zertifikat» abzugeben. Dann schichteten sie die eingesammelten Stücke zu einer Installation im Bourbaki-Panorama auf und schrotteten sie danach mit einem Bulldozer (dem Mega Buster) ein. Jetzt ist, rechtzeitig zur Weihnachtszeit-Besinnung, ein Reader erschienen, der nicht nur die Interpixel-Aktion mit Bildern, Texten sowie abgründigen Zitaten aus Kindermund dokumentiert, sondern sie mit zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen zum heutigen 'Schlachtfeld Kinderzimmer' ergänzt und abrundet.

Virtuelle Gewalt-Imitation
Die Publikation will damit Anstoss zu einer gesellschaftlichen Diskussion über die zunehmende Ästhetisierung von Gewalt und Krieg und ihre Vermarktung als Konsumware geben. Denn bei den Gesprächen in den Klassen stellte sich für die Künstler schnell heraus, wie sehr sich der Charakter der gebräuchlichen Kriegsspielsachen verändert hat. Einerseits kamen eigentliche Waffenarsenale zum Vorschein, die mit der Bezeichnung «Imitationswaffen» nur unzureichend auf den Begriff gebracht sind. Anderseits werden diese noch 'analogen' Spielsachen zunehmend von virtuellen Computergames abgelöst, die realistisch anmutende Kampf- und Kriegsschauplätze für Gewalt-, Folter- und Tötungsorgien bereitstellen. Die unter dem Begriff Ego-Shooter zusammengefassten Videogames unterscheiden sich krass von den früheren harmlosen Ballerspielen, sie bilden durch ihre Besonderheiten eine ganz neue Qualität von gespieltem Krieg.

Erstens können, bedingt durch die immer höher aufgelösten Bilder, die Spielszenarien - Situationen, Landschaften, Bauten, Waffen und auch Menschen oder Tiere - immer realistischer dargestellt werden, d.h. die Szenen und Menschen wirken lebensnäher, deren Blut fliesst eindrücklicher. Zweitens erlebt sich spielende Person in der Ich-Perspektive aus Sicht einer subjektiven Kamera. Ihr Blick richtet sich direkt über eine oder mehrere Waffen, zum Beispiel ein Maschinengewehr, ein Messer, eine Handgranate und so weiter, die mitten ins Spielgeschehen gerichtet sind. Da die spielende Person einem unaufhörlichen Bedrohungsszenario ausgesetzt ist, steht sie unter ständigem Handlungsdruck. Das Vernichten von Gegnern wird mit Punkten und neuen Waffen belohnt. Die Spielenden (keineswegs nur Buben, vermehrt auch Mädchen) mutieren so zum virtuellen Henker, Kämpfer, Soldaten, Terroristen oder Killer.

Wirkungen von gespieltem Krieg
In einem bemerkenswerten Beitrag untersucht der Psychologe und Pädagoge Bernhard Hauser die Wirkungen von gespieltem Krieg auf die Kinderpsyche, während die SoziologInnen Stephan Truninger und Anja Meyerrose die gesellschaftliche Produktion von Gewalt beleuchten. Der deutsche Traumaspezialist Lutz-Ulrich Besser befasst sich mit den Erkenntnissen der neueren Gehirnforschung («Brainwash - die unsichtbare Macht der Bilder») und der Zürcher Ethiker und Gemeinderat Jean-Daniel Strub formuliert «vier Thesen zum Schweigen der Ethik». Der bis vor kurzem noch bei Pro Juventute tätige Michael Marugg nimmt sich dem «Kinderzimmer als rechtsfreie Zone» an, einen interessanten Ansatz verfolgen die Völkerrechtlerinnen Elisabeth Baumgartner und Carolin Würzner, indem sie vorschlagen, das humanitäre Völkerrecht und die Grundregeln des Kriegsrechts in Computerspielen zu integrieren. Dokumentiert ist auch der vor Jahresfrist erfolgte «Kölner Aufruf gegen Computergewalt», während Elke Ostbomk-Fischer eine Checkliste zur Beurteilung von Computerspielen liefert. Alles in allem zwar kein besonders appetitliches Thema, aber ein aktueller Diskussionsbeitrag, ohne definitive Lösungen oder Rezepte feilzubieten.

Peter Weishaupt

Interpixel (Hrsg): Mega Buster – Kriegsgebiet Kinderzimmer. Eine Intervention zu Gewalt, Gesellschaft und Entwaffnung. Edition Fink 2009, 256 Seiten, Fr. 28.-

Dieses Buch wurde in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Friedensrat und der Zeitschrift VPOD Bildungspolitik unter dem Patronat von Pro Juventute herausgegeben.

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Inhalt

Seite 7: Vorwort – Ruedi Tobler/Peter Weishaupt

Seite 13: Einführung ins Kriegsgebiet Kinderzimmer
– Philippe Sablonier/Eva-Maria Würth

Seite 27: Wirkungen von gespieltem Krieg und die Befähigung zu friedlicher Konfliktbewältigung
Bernhard Hauser

Seite 47: Kriegsspiel und Kriegsspielzeug im Recht. Das Kinderzimmer als rechtsfreie Zone
Michael Marugg

Seite 57:
Das Schweigen der Ethik zur Gewalt im Spiel. Vier Thesen zur moralischen Dimension des Kriegsgebiets Kinderzimmer
Jean-Daniel Strub

Seite 77: Schlachtfeld Gesellschaft. Zur gesellschaftlichen Produktion von Gewalt
Stephan Truninger und Anja Meyerrose

Seite 105: Brainwash. Die unsichtbare Macht der äusseren Bilder
Lutz-Ulrich Besser

Seite 135: Menschenbild und Medienbildung. Killerspiele im Diskurs zwischen Wissenschaft und Praxis
Else Ostbomk-Fischer

Seite 148: Kölner Aufruf gegen Computergewalt

Seite 157: Virtuelle Verletzungen der Genfer Konventionen. Humanitäres Völkerrecht in Computer- und Videospielen
Elisabeth Baumgartner/Carolin Würzner

Seite 173: Entwaffnende Kunst. Interpixels Vorstoss ins Kinderzimmer
Dorothee Messmer

Seite 179: Interview mit Interpixel zur Entwaffnung im Alltag. Ein Gespräch über die Kunstaktion Mega Buster
Brita Polzer

Seite 211: Friedensgebiet Schweiz. Die Entwaffnung von 87’000 Soldaten und ihre Darstellung im Bourbaki Panorama Luzern
Donata Maria Krethlow-Benziger

Seite 225: Irgendwo zwischen Museum und Strasse. Interpixels Erbe und die Frage, wie sozial engagierte Kunst einzuschätzen ist
Barnaby Drabble


Interpixel (Hrsg): Mega Buster – Kriegsgebiet Kinderzimmer. Eine Intervention zu Gewalt, Gesellschaft und Entwaffnung. Edition Fink 2009, 256 Seiten, Fr. 28.-


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